Krisenjahre

Die Junge Republik hatte von Anfang an keinen leichten Stand und schlitterte sogleich in die nächste Krise. Nachdem die Siegermächte des Ersten Weltkrieg den sogenannten Versailler Vertrag diktiert hatten, trat Regierungschef Philipp Scheidemann zurück und Gustav Bauer trat seine Nachfolge an. Der Versailler Vertrag war stark umstritten, da er Deutschland die alleinige Kriegsschuld zuwies, hohe Reparationszahlungen und zahlreiche Gebietsabtretungen beinhaltete. Dennoch wurde er aufgrund der Aussichtslosigkeit am 22. Juni 1919 von der Nationalversammlung angenommen.

 
Eine Reaktion der Rechten auf den Versailler Vertrag ließ nicht lange auf sich warten. Gerade unter den deutschnationalen und völkischen Kräften der jungen deutschen Republik machte die Verschwörungstheorie von der „Dolchstoßlegende“ die Runde, welche besagte das demokratische Politiker, allen voran die Sozialdemokratie, und das Judentum für die militärische Niederlage des ersten Weltkriegs verantwortlich seien, da das deutsche Heer im Felde unbesiegt blieb und durch oppositionelle „vaterlandslose“ Zivilisten von hinten erdolcht wurde.
Obwohl diese Theorie völlig an den Haaren herbeigezogen war schürte sie unter der deutschen Rechten den Hass auf die neue Republik und deren Vertreter. So kam was kommen musste: Ein Putsch gegen die Weimarer Republik. Angeführt von den Generälen Walther von Lüttwitz und Erich Ludendorff, sowie dem Namensgeber Wolfgang Kapp, begann am 13. März 1920 der sogenannte Kapp-Putsch.

Wolfgang Kapp – Namensgeber des Kapp-Putsch

Hauptauslöser für den Kapp-Putsch war der am 10. Januar in Kraft getretene Versailler Vertrag, der das deutsche Heer auf 100.000 Mann beschränken sollte. Da dies unweigerlich zur Auflösung zahlreicher Freikorps führte und viele Generäle nicht gewillt waren ihren Einfluss zu verlieren, waren sie strikt gegen den erteilten Auflösungsbefehl. Am 10. März forderte daher General von Lüttwitz die Auflösung der Nationalversammlung und anschließende Neuwahlen, was wiederum dazu führte, dass Reichspräsident Ebert den Rücktritt Lüttwitz innerhalb von 24 Stunden verlangte. Lüttwitz, der nicht im Traum daran dachte seine Entlassung einzureichen, gab der Brigade Ehrhardt den Befehl nach Berlin zu marschieren und informierte anschließend die „Nationale Einheit“ mit Ludendorff und Kapp.

 
Am späten Abend des 12. März erfuhr die Regierung vom Anmarsch der Truppen und führte eilig eine Kabinettssitzung herbei. Schließlich wurde beschlossen Berlin zu verlassen und zum Generalstreik aufzurufen. Kurz vor eintreffen der Brigade Ehrhardt (gegen 6:25 Uhr früh) flüchteten die Minister mit zuvor bereitgestellten Autos aus der Stadt. Zurück blieben nur wenige Regierungspolitiker, wie z.B. Vizekanzler Eugen Schiffer von der DDP.
Die Putschisten, die mit Gesang durch das Brandenburger Tor marschiert waren, ernannten Kapp zum neuen Reichskanzler und versuchten die Macht im Reich an sich zu reisen. Jedoch zeigte sich schnell Gegenwind, als sich z.B. der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund, die Arbeitsgemeinschaft freier Angestelltengewerkschaften und auch die KPD gegen den Putsch aussprachen und nach und nach den von der Regierung ausgerufenen Generalstreik unterstützen.

 
Der Generalstreik erfasste am 14. März bereits ganz Berlin und verbreitete sich am Folgetag innerhalb der Republik. Ab 15. März unterstützte auch der Deutsche Beamtenbund den Streik und bald brach die öffentliche Versorgung komplett zusammen. Die Putschisten, die auf mehr Unterstützung gehofft hatten, mussten bald erkennen, dass sie keine Möglichkeit hatten sich an der Macht zu halten und zu regieren.
Während Kapp bereits am 17. März nach Schweden floh übernahm Lüttwitz als Militärdiktator die Regierung und verhandelte ohne Wissen der geflohenen Reichsregierung mit dem Berliner Justizministerium über das gewaltfreie Ende des Putsches. Lüttwitz, der selbst in der Reichswehr kaum noch Rückhalt fand, beendete schließlich den Putschversuch unter den verhandelten Bedingungen (u.a. Amnestie) und verließ zusammen mit Erich Ludendorff die Reichskanzlei.

Wahlplakat der noch jungen stalinistischen KPD zur Wahl von 1920

Obwohl der Kapp-Putsch gescheitert war, zeigten bereits die folgenden Reichstagswahlen vom 6. Juni 1920, auf welch tönernen Füßen die deutsche Republik damals stand. Die regierenden Pro-Republik-Parteien (SPD, Zentrum und DDP) verloren ihre Mehrheit, während linke (USPD, KPD) und rechte (DNVP, DVP) Kräfte starke Zugewinne verbuchen konnten. Nicht verwunderlich war die darauffolgende zähe Regierungsbildung aus der sich die SPD heraushielt und die schließlich zu einer Regierung aus DDP, Zentrum und DVP führte.

 
Auch in der Folgezeit blieb die rechte Bedrohung in der Weimarer Republik erhalten, so formierte sich nach dem gescheiterten Kapp-Putsch die nationalistische Terrorgruppe „Organisation Consul“, auf deren Kappe mehrere politische Morde gingen. Zu den prominentesten Opfern zählen der am 26.08.1921 ermordete Zentrumspolitiker Matthias Erzberger und der am 22.06.1922 liquidierte deutsche Außenminister Walther Rathenau. Auch das Verbot der Organisation im Jahre 1922 konnte gegen die Gefahr von Rechts wenig ausrichten, zumal die Mitglieder der Gruppe in der Nachfolgeorganisation „Bund Wiking“ oder dem Wehrverband „Stahlhelm“ unterschlupf fanden.

Inflationsgeld aus dem August 1923

Eines der größten Krisenjahre stand der Weimarer Republik 1923 bevor, nachdem am 11. Januar französische und belgische Truppen in das Rheinland einmarschierten. Auslöser waren unzureichende deutsche Kohlelieferungen, die im Versailler Vertrag als Reparationen festgelegt waren. Die Deutsche Seite reagierte mit einem passiven Widerstand, der durch den Ausfall von Produktivität schon bald äusserst teuer wurde. Da die Einnahmenverluste lediglich mit dem Drucken neuer Banknoten kompensiert werden sollten, kam es zu einer Hyperinflation, wie es sie vorher oder nachher noch nie in Deutschland gegeben hatte. Im November 1923 entsprach ein US-Dollar 4,2 Billionen Mark.

 
Die Verwerfungen durch die Inflation führten dazu, dass der Ruhrwiderstand nachließ und schließlich von der Regierung offiziell für beendet erklärt wurde. Von rechten Kräften wurde dieser Abbruch als Landesverrat angesehen, weswegen es in Bayern zu einem neuen Putschversuch kommen sollte: Der sogenannte Hitler-Putsch vom 9. November 1923. Hauptakteur war die erst 1920 gegründete Nationalistische NSDAP unter Adolf Hitler und Erich Ludendorff. Schon damals hatte Hitler den Plan die Demokratie zu stürzen und eine nationalistische Diktatur zu schaffen.

 
Am Abend des 8. November betrat Hitler in Begleitung weiterer Nationalsozialisten (u.a. Göring) den mit einigen wichtigen Persönlichkeiten besetzten Bürgerbräukeller in München und verkündete mit gezogener Waffe die „nationale Revolution“. Der eigentliche Plan war ein Marsch nach Berlin mit in Bayern stehenden Reichswehrverbänden – Ganz nach dem Vorbild Mussolinis, der Jahre zuvor einen Marsch auf Rom durchgeführt hatte.
So weit kamen die Putschisten in München jedoch nicht, als sie am Nächsten Tag durch die Stadt marschierten. Beim Zusammenstoss mit der Landespolizei kam es zu einem Schusswechsel mit mehreren Toten und Verletzen, u.a. wurde auch Göring in die Lende und den Schenkel getroffen – Nach kurzer Zeit war der Putsch beendet. Der geflohene Hitler wurde zwei Tage später aufgefunden und verhaftet, die NSDAP vorerst verboten.

 
Als es schließlich am 15. November 1923 zur Währungsreform kam (1 Rentenmark = 4 Billionen Mark) hatte der Staat seine Schulden auf Kosten der eigenen Bürger, die um ihre Ersparnisse gebracht wurden, getilgt. Die Inflation war beendet und die Weimarer Republik hatte ihre größten Anfangskrisen überstanden.