Die geheime Fliegerschule in Russland

Dreiseitenansicht der neuen Fokker D.XIII, von der 50 Strück durch die Heeresleitung bestellt wurden


Der Weimarer Republik war es, nach dem am 10. Januar 1920 in Kraft getretenen Versailler Vertrag, untersagt Luftstreitkräfte zu besitzen oder aufzubauen. Zwar hatte die Luftfahrt im ersten Weltkrieg noch eine sehr untergeordnete Rolle gespielt und kaum zum Kriegsgeschehen beigetragen, doch zeigte die anderauernte Entwicklung, dass eine Luftwaffe in zukünftigen Kriegen eine weitaus wichtigere Rolle einnehmen würde. Die Reichswehrführung machte sich daher Sorgen, zu stark ins hintertreffen zu geraten und suchte einen Weg den Versailler Vertrag auszuhebeln.

 
Nachdem Anfang der 20er Jahre noch hoher Respekt gegen Rüstungsverstöße herrschte, änderte sich die Stimmung nach der Ruhrbesetzung (ab 1923) durch französische und beligische Truppen tiefgreifent. Die Angst und der Hass auf den Feind nahmen zu und die Heeresleitung war nicht länger bereit auf den Aufbau einer Luftwaffe zu verzichten. Bei den, in die Niederlande übersiedelten, Fokker-Werke bestellte man daraufhin 100 Flugzeuge (Davon 50 neue Fokker D.XIII), obwohl man sie rechtlich nicht in Deutschland unterbringen konnte.





Anzeige

 
Bezüglich der Flugzeug Unterbringung kam nun die Sowjetunion ins Spiel. So hatte die Weimarer Republik bereits am 16. April 1922 einen Vertrag mit der Sowjetunion unterzeichnet, um die Beziehungen untereinander zu normalisieren und beide Staaten vor einer internationalen Isolation zu bewahren. Das, als Vertrag von Rapallo bekannte, Abkommen beinhaltete auch eine militärische Zusammenarbeit und bot nun eine interessante Möglichkeit den Versailler Vertrag zu unterlaufen.

Historische Aufnahme der russischen Stadt Lipezk, die als Standort für die geheime Fliegerschule diente

 
Am 15. April 1925 wurde die Errichtung einer Fliegerschule und Erprobungsstätte in Lipezk (Zentralrussland) vertraglich geregelt. Damit die deutsche Reichsregierung offiziell nichts mit dem Stützpunkt zu tun hatte, wurde ein Konstrukt aus Privatverträgen, u.a. zwischen dem deutschen Oberst Hermann Thomsen und dem sowjetischen Offizier Pjotr Baranow, aufgebaut. Der Geheimhaltung wegen wurde auf dem gesamten Gelände auf Hoheitszeichen und Uniformen verzichtet. Bezahlt wurde der Unterhalt jedoch aus dem Etat des Reichswehrministeriums.

 
Der Flugbetrieb in Lipezk wurde schließlich im Juni 1925 aufgenommen, im Jahr darauf begann auch der Ausbildungsbetrieb. Im Laufe der Jahre wurde das Gelände, welches während der ersten Jahre noch recht untauglich erschien, immer weiter ausgebaut und verbessert. Es entstanden zahlreiche neue Gebäude wie Flugzeughallen, Munitionslager, Werkstätten, Wohnungen und sogar ein Kasino.

 
Natürlich war der Betrieb der geheimen Fliegerschule nicht nur einseitig angelegt. Auch die Sowjetunion stellte Forderungen an das Deutsche Reich und versprach sich Vorteile durch die Bereitstellung des Geländes. So wurden z.B. auch sowjetische Flieger und Techniker durch das Deutsche Personal ausgebildet.
Allerdings war man auf sowjetischer Seite, nach einigen Jahren Flugbetrieb, nicht allzu zufrieden mit den Ergebnissen. So wurde 1929 u.a. bemängelt, dass die eingesetzte Technik nicht auf dem neuesten Stand sei und hinter der Ausländischen zurückstand. Dennoch blieb die Fliegerschule vorerst bestehen, auch wenn die Sowjetunion sich Anfang der 30er Jahre nach Westen öffnete und auch das deutsch-französische Verhältnis sich kurzzeitig zum Besseren wand.

 
Als 1933 die Weimarer Republik innerhalb kurzer Zeit von den Nationalsozialisten zertrümmert wurde, begann auch für die „Geheime Fliegerschule und Erprobungsstätte der Reichswehr“ die Zeit abzulaufen. Die Ideologie der Nazis, unter Adolf Hitler, war von klarer Ablehnung gegenüber dem Sowjet-Kommunismus geprägt und eine weitere Zusammenarbeit schien schier undenkbar.
Bereits nach der Kommunistenverfolgung durch den Reichstagsbrand vom 28. Februar 1933, antwortete die Sowjetunion mit der Gefangennahmen von deutschen Fliegern in Lipezk. Diese kamen zwar nach der Freilassung dreier bulgarischer Kommunisten durch die Deutsche Seite auch wieder auf freien Fuß, die Fliegerschule wurde jedoch im September 1933 endgültig geschlossen. Stattdessen widersetzen sich die Nationalsozialisten nun offen dem Versailler Vertrag und bauten in Deutschland eine eigene Luftwaffe auf.