Altonaer Blutsonntag

Der sogenannte Altonaer Blutsonntag gehört zu den blutigsten Ereignissen während der Endzeit der Weimarer Republik und ist nach der Stadt Altona benannt, die damals noch zu Schleswig-Holstein, und nicht zu Hamburg, gehörte. Bei den am 17. Juli 1932 stattfindenden gewalttätigen Auseinandersetzungen kamen insgesamt 18 Menschen ums Leben. Außerdem nutzte die Reichsregierung den Vorfall wenig später um die SPD geführte preußische Regierung per Notverordnung zu entmachten und den Föderalismus zu schwächen.

 
Im April 1932 wurde unter Reichskanzler Brüning die Sturmabteilung (SA) der NSDAP verboten, nachdem sie das Land mit einer Terrorwelle überzogen hatte. Im Juni 1932 kam es zum Regierungswechsel und der neue Reichskanzler von Papen zeige sich für die Tolerierung durch die Nationalsozialisten erkenntlich, indem er das Verbot der SA wieder aufhob. So war es nicht verwunderlich, dass es im Vorfeld der anstehenden Reichstagswahlen vom 31. Juli 1932 erneut zu zahlreichen politischen Auseinandersetzungen mit Toten und verletzten kam, vor allem zwischen den Kommunisten und den Nazis.





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Zwei Wochen vor den Reichstagswahlen, am 17. Juli 1932, genehmigte der Polizeipräsident von Altona, Otto Eggerstedt (SPD), eine Großdemo von 7.000 SA-Leuten durch die Altonaer Altstadt. Das Besondere an diesem Stadtteil war die stark sozialdemokratisch oder kommunistische Prägung der Einwohner, weswegen auch Begriffe wie „Klein-Moskau“ oder „Rotes Altona“ die Runde machten. Nicht verwunderlich also, dass viele Arbeiter aus Altona den Aufmarsch als Provokation gegen sich sahen. Eine mögliche Eskalation lag in der Luft.

Ort der Ereignisse in der Altona Altstadt

Am Tag der Demo begannen die SA-Leute sich ab 12:30 zwischen Rathaus und Bahnhof zu versammeln und setzten gegen 15:00 ihren Marsch in Bewegung. Um etwa 16:30 Uhr erreichte der Aufmarsch die Altonaer Altstadt und bog in eine eng bebaute Straße des Arbeiterviertels ab. Dort stand bereits eine Menschenmenge am Straßenrand und es kam zu Auseinandersetzungen und Handgemengen.
Die bald darauf eintreffenden Polizeikräfte hatten keine Chance die Lager zu trennen und die Ordnung wiederherzustellen. Hinzu kam, dass Polizeipräsident Eggerstedt, trotz der offensichtlich gefährlichen Lage, an diesem Tag für eine Wahlkampfveranstaltung Urlaub genommen hatte und auch sonst kein höherer Polizeibeamter oder ein Stellvertreter vor Ort war.

 
Um ca. 17 Uhr, als die Marschteilnehmer gerade wieder dabei waren sich einzureihen, fielen Schüsse und zwei SA-Leute wurden tödlich getroffen. Die Polizei, die davon ausging, dass der SA Zug gezielt von Dächern unter Beschuss genommen wurde, drängte die SA nun in Richtung Bahnhof zurück und forderte weitere Verstärkung an um die Menschen von der Straße zu verträngen.
Nachdem die Polizei die Bevölkerung dazu aufgerufen hatten die Fenster zu schließen, begannen sie selbst damit auf Menschen zu schießen, die für sie als Angreifer in Frage kamen und nahmen zahlreiche Hausdurchsuchungen vor. Das Resultat waren 90 Verhaftungen und 16 durch die Polizei erschossene Anwohner. Um 19 Uhr war laut Polizeibericht „die Ruhe wieder hergestellt“.

Reichskanzler Franz von Papen übernahm nach dem Blutsonntag die Macht auch in Preußen

Reichskanzler Franz von Papen sah in den Vorkommnissen von Altona einen guten Vorwand um die Sozialdemokratie zu schwächen, denen er die Schuld an dem Dilemma in die Schuhe schob. Am 20. Juli trat in Preußen eine Notverordnung in Kraft, welche die Geschäftsführende SPD Regierung unter Otto Braun entmachtete und von Papen als Reichskommissar einsetzte. Des Weiteren wurden zahlreiche Grundrechte eingeschränkt und die vollziehende Gewalt auf den Reichswehrminister übertragen. Faktisch wurde das größte Flächenland des Deutschen Reiches nun von der Reichsregierung geführt, was eine große Schwächung des Föderalismus darstellte und die spätere Zentralisierung durch Adolf Hitler erleichterte. Das Ereignis ging unter dem Namen Preußenschlag in die Geschichte ein und war der Anfang vom Ende der Weimarer Republik.

 
Nachdem Historiker lange davon ausgegangen waren, dass die ersten beiden tödlichen Schüsse wirklich von Kommunisten abgegeben wurden, weiß man seit 1992, dank Léon Schirmann, dass auch die beiden SA-Leute, genau wie die zahlreichen Anwohner, durch Polizeikugeln ums Leben kamen. Dafür, dass Anwohner aus dem Hinterhalt geschossen haben, gibt es bis heute keinen Beweis (siehe hierzu auch https://taz.de/Erinnerung-an-den-Blutsonntag/!5520575/).
Dennoch wurden 1933, als die Nazis bereits die Macht im Reich übernommen hatten, schon im ersten Prozess zu den Ereignissen vier Kommunisten zu Tode verurteilt – Politisch gewollte Hinrichtungen, wie man heute weiß.